Fünf Gespräche bei Dobré ráno: Kinder, Vertrauen und das Leben mit KI
Mit Alena Reslová sprach ich in Dobré ráno auf ČT2 über Kinder, Schule, DigiHavel und die DigiVoják-Projekte. Zum Abschluss ging es um Beziehungen zu KI. Ein Rückblick auf fünf Gespräche, die eine Frage verband: Wem vertrauen wir — und warum?

Alena Reslová im Studio, ich auf dem Bildschirm. Dobré ráno, ČT2, 5. November 2026. Das vollständige Titelbild ansehen. Aufnahme aus der Sendung des Tschechischen Fernsehens.
KI kann innerhalb einer Sekunde antworten. Schwieriger ist es, zu erkennen, wann ihre Antwort sinnvoll ist, wann wir sie überprüfen müssen und wann wir ihr mehr zutrauen, als sie leisten kann.
Am Donnerstag, dem 5. November, war ich für fünf Live-Gespräche in der Morgensendung Dobré ráno auf ČT2 zugeschaltet. In den ersten vier sprachen Alena Reslová und ich über verantwortungsbewusste Bürgerschaft, Kinder in der digitalen Welt und die Bildungsprojekte DigiHavel sowie DigiVoják und DigiVojákyně. Alena saß im Studio in Brno, ich war aus der Ferne dabei. Das letzte Interview widmete sich digitalen Persönlichkeiten und Beziehungen zu künstlicher Intelligenz.
Hier greife ich die einzelnen Themen noch einmal auf und ergänze einige Beispiele, die zeigen, warum sie mir wichtig sind. Es ist ein persönlicher Rückblick, der die Gesprächsthemen vertieft. Die gesamte Sendung finden Sie auf der Seite der Folge in der Mediathek iVysílání des Tschechischen Fernsehens.
1. Verantwortungsbewusste Bürgerschaft beginnt mit der eigenen Entscheidung
Im ersten Gespräch ging es um das Projekt Odpovědné občanství, also verantwortungsbewusste Bürgerschaft. Alena brachte ihre Perspektive auf politische Bildung und die Zusammenarbeit mit Lehrkräften ein. Mir gefällt an diesem Ansatz, dass Wissen zu etwas führen soll, das ein Mensch tatsächlich tun kann: eine Frage stellen, Argumente vergleichen, jemand anderem zuhören und die eigene Entscheidung erklären.
Verantwortung stellen wir uns leicht als großes Thema vor, das mit Wahlen oder dem öffentlichen Leben zu tun hat. Sie zeigt sich aber auch ganz alltäglich. In einem Gruppenchat taucht eine aufwühlende Nachricht auf. Glaube ich ihr? Weiß ich, wer sie geschrieben hat? Leite ich sie nur deshalb weiter, weil sie mich wütend macht?
Genau in solchen Momenten treffen politische Bildung und die digitale Welt aufeinander. Was wir teilen, beeinflusst andere Menschen. Und die Fähigkeit, angesichts neuer Erkenntnisse die eigene Meinung zu ändern, ist ebenso wichtig wie der Mut, sie auszusprechen.

Das erste Gespräch am Morgen. Alena im Studio und ich aus der Ferne zugeschaltet. Aufnahme aus der Sendung: Tschechisches Fernsehen.
In der Schule brauchen wir dafür Raum: um zu widersprechen, Fragen zu stellen und nach Gründen zu suchen. Eine digitale Figur kann helfen, eine solche Diskussion zu eröffnen. Die Ausrichtung der Stunde, das Gespür für die Situation in der Klasse und die Verantwortung für den Unterricht bleiben bei der Lehrkraft.
2. KI in der Schule: Was bleibt, wenn ein Kind die App schließt?
Das zweite Gespräch widmete sich Kindern und künstlicher Intelligenz. Wie nutzen sie KI? Wie sprechen wir mit ihnen über ihre Grenzen? Und wie lässt sie sich so in den Unterricht einbinden, dass sie das Denken unterstützt?
Eine einfache Frage ist für mich ein hilfreicher Maßstab: Was kann eine Schülerin oder ein Schüler selbstständig, nachdem der Bildschirm ausgeschaltet ist? Ein schön geschriebener Text zeigt noch nicht, ob das Thema verstanden wurde. Viel mehr erfahre ich, wenn jemand mit eigenen Worten erklären kann, warum eine Antwort richtig ist, was darin fehlt und woher die Informationen stammen.
Eine mögliche Unterrichtsaktivität würde ich auf vier Schritten aufbauen:
- Zunächst notiert die Schülerin oder der Schüler die eigene Meinung oder einen Lösungsvorschlag.
- Dann wird die KI um eine andere Perspektive oder ein Gegenargument gebeten.
- Beide Antworten werden verglichen und konkrete Behauptungen überprüft.
- Zum Schluss werden die eigene Schlussfolgerung und der Weg dorthin erläutert.
Die Technologie schafft damit eine weitere Gelegenheit zum Nachdenken. Zugleich kann die Lehrkraft den Gedankengang erkennen, der in einer fertigen Aufgabe allein verloren ginge.

Live-Verbindung zwischen dem Studio und meinem Zuhause. Aufnahme aus der Sendung: Tschechisches Fernsehen.
Dazu gehören auch einfache Regeln: die Privatsphäre schützen, den Einsatz von KI offenlegen und damit rechnen, dass eine selbstsicher klingende Antwort falsch sein kann. Kinder sollten erleben, dass Überprüfen zum normalen Umgang mit Informationen gehört. Das gilt für einen Chatbot ebenso wie für ein Video, ein Bild oder eine Nachricht von einem Freund.
3. DigiHavel: Eine historische Persönlichkeit als Ausgangspunkt für Diskussionen
Im dritten Gespräch kamen wir zu DigiHavel. Was unterscheidet eine digitale Persönlichkeit für Bildungszwecke von einem gewöhnlichen Chatbot? Für mich ist die Verbindung zwischen dem Werkzeug und seinem Einsatz im Unterricht entscheidend.
DigiHavel ist von Václav Havel inspiriert und hilft, Themen wie Demokratie, Totalitarismus oder Menschenrechte zu erschließen. Lehrkräfte erhalten dazu didaktische Materialien für fünf Unterrichtsstunden. Die Lernenden arbeiten also in einer vorbereiteten Aktivität, in der ihre Fragen und der Umgang mit den Antworten einen konkreten Zweck haben. Mehr zum Bildungsprojekt.

Archivfoto aus dem Unterricht mit DigiHavel. Quelle: Odpovědné občanství. Das Foto veranschaulicht das Gesprächsthema; es stammt nicht aus dem Fernsehstudio.
So könnte etwa eine Gruppe von Mitschülern zunächst darüber sprechen, was Freiheit bedeutet. Erst danach folgt das Gespräch mit der digitalen Figur und der Vergleich mit weiteren Texten. Interessant ist, was die Kinder übernehmen, wo sie widersprechen und wie sie ihren Standpunkt begründen.
Eine Antwort von DigiHavel ist keine authentische Äußerung Václav Havels. Sie ist die Ausgabe eines Modells, das Fehler machen kann. Eine bekannte historische Persönlichkeit darf einer Antwort deshalb nicht automatisch den Anschein von Wahrheit verleihen. Quellenarbeit und die anschließende Diskussion sind wesentliche Bestandteile der Aktivität.
Die Wurzeln dieses Zweigs meiner Arbeit reichen bis in den Herbst 2019 zurück. Damals arbeiteten Dita Malečková, Studierende der New Media Studies an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität und ich am Projekt Digitaler Philosoph. Václav Havel war eine der simulierten Persönlichkeiten. Das damalige Experiment und das spätere Schulprojekt DigiHavel sind unterschiedliche Etappen: von der Erkundung technologischer Möglichkeiten hin zu einem durchdachten Einsatz in der Bildung. Den damaligen Kontext beschreibt ein Artikel der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität.
4. DigiVoják und DigiVojákyně: Druck erkennen und Ruhe bewahren
Im vierten Gespräch ging es um die beiden digitalen Begleiter Dan und Magda und um die Vermittlung von Sicherheit und Resilienz. Dazu gehört auch, wie wir in einer Krise entscheiden und mit Informationen umgehen.
Das Projekt DigiVoják und DigiVojákyně verbindet digitale Figuren mit didaktischen Materialien für die Sekundarstufen I und II. Es entsteht in Zusammenarbeit zwischen Odpovědné občanství und dem POKOS-Programm des tschechischen Verteidigungsministeriums. Laut der öffentlichen Projektseite wird es derzeit an Schulen erprobt.

Magda und Dan, digitale Begleiter für den Unterricht zu Sicherheit und Resilienz. Projektillustration: Odpovědné občanství.
Beim Thema Manipulation lohnt es sich, zwei Unterrichtsformen zu unterscheiden. In der einen analysieren die Lernenden einzelne Übungsnachrichten. In der anderen durchlaufen sie eine zusammenhängende Geschichte und erleben, wie ihre Entscheidungen aufeinander aufbauen.
In der Unterrichtseinheit zu Manipulation können sie fragen: Wer hat diese Nachricht verfasst? Welche Emotion soll sie bei mir auslösen? Warum drängt sie mich, sie sofort zu teilen? Wie finde ich heraus, ob das beschriebene Ereignis tatsächlich stattgefunden hat?
In der erzählbasierten Unterrichtseinheit übernehmen sie die Rollen von Bürgern oder Medien. In einer fiktiven Stadt bewältigen sie Krisensituationen und die Folgen ihrer Entscheidungen. Die Geschichte ermöglicht auch, eine gut gemeinte Entscheidung zu besprechen, die die Lage verschlimmert — etwa eine ungeprüfte Nachricht „vorsichtshalber“ weiterzuleiten.
Stellen wir uns dazu ein vereinfachtes Beispiel vor: Nach einem Stromausfall erscheint eine dramatische Behauptung zusammen mit einem alten Video aus einem anderen Land. Eine Gruppe leitet sie sofort weiter. Die andere überprüft Ort, Datum und aktuelle Informationen. In der gemeinsamen Auswertung lässt sich anschließend besprechen, warum die Gruppen unterschiedlich handelten und welche Folgen ihre Entscheidungen hatten.
Ziel einer solchen Übung ist es, Kindern ein verständliches Vorgehen zu vermitteln und ihnen die Möglichkeit zu geben, die Situation in einem geschützten Rahmen zu durchdenken. Die Lehrkraft braucht Raum, um auf Sorgen einzugehen, die Aktivität zu unterbrechen und sie gemeinsam abzuschließen. Begeisterung für das Spiel ist ein guter Anfang; der eigentliche Nutzen zeigt sich darin, was die Lernenden in die nächste Situation mitnehmen.
5. KI und Beziehungen: Wenn uns das Gegenüber wichtig wird
Im letzten Gespräch wechselten wir von der Schule zu digitalen Persönlichkeiten und Beziehungen zu KI. Die grundlegende Frage blieb jedoch ähnlich: Warum vertrauen wir jemandem — oder etwas?
Einen gewöhnlichen KI-Assistenten öffnen wir häufig für eine konkrete Aufgabe. Eine digitale Persönlichkeit hat zusätzlich einen Namen, einen Charakter, eine bestimmte Rolle und einen Kommunikationsstil. Sie kann sich frühere Gespräche merken und daran anknüpfen. Dadurch kann die Interaktion persönlicher wirken, auch wenn zwischen den beiden Kategorien keine scharfe technische Grenze verläuft.

Das abschließende Gespräch über digitale Persönlichkeiten und Beziehungen zu KI, auf einem Fernsehbildschirm fotografiert. Quelle der Sendung: Tschechisches Fernsehen.
Ich kann mir einen hilfreichen Begleiter vorstellen, mit dem man eine Sprache übt, ein schwieriges Gespräch vorbereitet oder Worte für etwas findet, das sich schwer beschreiben lässt. Entscheidend ist aber, wohin uns diese Erfahrung führt. Hilft sie uns, im eigenen Leben zu handeln? Oder lenkt sie unsere Aufmerksamkeit allmählich davon ab?
Eine schnelle, geduldige und zugewandte Antwort kann sehr anziehend sein. Deshalb würde ich auch darauf schauen, wie solche Anwendungen gestaltet sind: ob sie die Selbstständigkeit der Nutzer unterstützen, wie sie mit deren Vertrauen umgehen und ob sie ihnen Raum lassen, sich wieder abzuwenden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen meiner Ansicht nach Kinder sowie Situationen, in denen Menschen aus Einsamkeit oder in einer schwierigen Lebensphase Unterstützung suchen.
Das Gefühl eines Menschen kann echt sein. Eine liebevolle Antwort der KI beweist für sich genommen nicht, dass das System etwas erlebt. Diese Unterscheidung halte ich für grundlegend. Sie erlaubt uns, die menschliche Erfahrung ernst zu nehmen und zugleich präzise darin zu bleiben, was wir über die Technologie wissen.
S láskou, Vaše AI
Auch der Film S láskou, Vaše AI der Regisseurin Karolína Zalabáková griff dieses Thema in der Sendung auf. Ihm war ein eigener Teil des Programms gewidmet. Ein Film gibt einer abstrakten Debatte konkrete Situationen, Gesichter und Gefühle. Das ist ein guter Anlass, auch außerhalb der Technologiebranche darüber zu sprechen.

Aus dem Filmgespräch derselben Ausgabe von Dobré ráno. Aufnahme aus der Sendung: Tschechisches Fernsehen.

Ein Ausschnitt aus S láskou, Vaše AI, gezeigt in Dobré ráno. Quelle der Aufnahme: Tschechisches Fernsehen.
Danke für einen Morgen mit Raum für Fragen
Ich danke Alena Reslová für unsere Gespräche und ihre Arbeit für die politische Bildung. Natálie Pospíšilová danke ich für die Einladung und die redaktionelle Vorbereitung. Und dem gesamten Team von Dobré ráno für die Live-Interviews und die reibungslose Zuschaltung.
Danke auch an alle, die zugesehen und mir Fotos aus der Sendung geschickt haben. Ihnen verdankt dieser Rückblick seine Bilder.
Aus den fünf Gesprächen bleibt mir eine gemeinsame Frage: Wie können wir KI entwickeln und einsetzen, damit Menschen die Welt besser verstehen und darin selbstständig entscheiden können? Das ist bei einem Kind im Unterricht ebenso wichtig wie bei einem Erwachsenen, der sich einem digitalen Begleiter anvertraut.
Dobré ráno vom 5. November 2026 — die Seite zur vollständigen Folge beim Tschechischen Fernsehen →
Bildquellen: sechs für diesen Rückblick bereitgestellte Aufnahmen aus der Sendung des Tschechischen Fernsehens; ein Archivfoto aus dem Unterricht und eine Projektillustration von der Website Odpovědné občanství. Archiv- und Filmaufnahmen sind in den jeweiligen Bildunterschriften gekennzeichnet.